Der Schrecken der Fernseredakteure: Michael Mrakitsch, Dokumentarfilmer, Genie und Querulant. Ein Portrait

Die Ruhe des Zeugen

Von Helmut Schödel

 

Die Wohnung liegt ebenerdig, zwei Zimmer plus Küche, schachtelförmig eingepaßt in eine frisch geweißelte Appartementsiedlung oberhalb der Stadt. Unten liegt Zürich – die Nummernkonten, der See und das Kneipen-»Dorf«. Hier oben, am Ende von Witikon, beginnen schon die Wiesen. Stadtrand, Kleinstadtstimmung, Balkonpflanzendschungel. Hier oben wohnt Michael Mrakitsch, lebt er (statt unter Blumenzüchtern und blitzenden Familienkutschen) zwischen Videokassetten und Bücherregalen in einer Kleinwohnung, die der Rauch seiner Gauloises über die Jahre hin braun verfärbt hat.

Bild Westphal

Er ist ein Junggeselle alten Stils, mit fixen Gewohnheiten, guten Weinen und exzellenten Kochrezepten. Zwischen seiner und den anderen Wohnungen gibt es einen Zeitunterschied, der dem zwischen Zürich und Chicago gleicht, sieben Stunden. Um 14 Uhr Ortszeit wird es bei Mrakitsch Tag, gegen 20 Uhr ist Lunch time, und der Feierabend beginnt um 3 Uhr morgens. Gegen 17 Uhr geht er einkaufen, wenn ihm was fehlt, und einmal am Tag besucht ihn eine Katze. Michael Mrakitsch, Jahrgang 1934, der Unzeitgemäße als Nachbar in Witikon: unauffällig sonderbar.

Außerhalb Witikons, in den Metropolen und dort besonders in den Fernsehanstalten, erlebt man ihn anders. Wenn der Name Mrakitsch fällt, verbergen Fernsehredakteure ihren Schrecken hinter klagenden Gebärden. »Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens mindestens alle drei Tage einen Mordgedanken«, schreibt Ingomar von Kieseritzky in seinem Roman »Anatomie für Künstler«.

Jeder Fernsehredakteur, der mit Mrakitsch gearbeitet hat, wollte ihn mindestens schon dreimal töten. Denn jeder von Mrakitschs Dokumentarfilmen ist den Verwaltern auch ein unvergeßliches Verbrechen gegen die eigenen beschränkten Gewohnheiten, gegen Produktionszeiten, Sendelängen, Budget-Grenzen. Mrakitsch nennt die Namen seiner Redakteure, als wären sie schreckliche Berühmtheiten. Statt blutleeren Prokuristenseelen: Blutfürsten der technischen Medien.

Er heißt Michael – wie Kohlhaas – und ist wie jener nicht konfliktscheu. Sein Nachname kommt aus dem Slowenischen, »mrak« heißt »dunkel«, bezogen auf einen verhangenen Himmel. Mrakitsch, Sohn des dunklen Himmels, Genie und Querulant, Erneuerer und Manierist, Filmkünstler und Fernsehmacher – ein Mann mit einem Lebenswerk, das auf den Wühltischen eines gefallenen Mediums zu verschwinden droht.

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Mrakitschs Film über den psychiatrischen Vollzug (»Drinnen – das ist wie draußen, nur anders«) ist bis heute ein Ereignis wie Heinar Kipphardts psychiatriekritischer Roman »März«. Mrakitsch bereiste eine der teuersten Modestraßen der Welt, den kalifornischen »Rodeo Drive« (»Nachsehen gehen, wie es um den Kapitalismus bestellt ist«), und auf einmal war Kaliforniens blauer Himmel verhangen. Sein Palästinenser-Film »Shalom oder Wir haben nichts zu verlieren«, seine beiden »Djibuti«-Reportagen, sein Lorca-Film (gemeinsam mit Reinhard Baumgart), sein Joyce-Film, seine »Geländebegehung Nürnberg 1992«, ein Besuch des Reichsparteitagsgeländes ... alles Arbeiten, die einem flüchtigen Medium etwas Bleibendes bescherten. Die Fernsehmuftis aber, Großmäuler ohne Selbstbewußtsein, ja ohne Sinn für die eigene Chance, pflegen zwischen Game-Shows und Ratespielen die Klassiker (und B-Pictures) des Kinos, ohne die Klassiker im eigenen Haus zu kennen. Aldi-Mentalität. Ausverkaufsstimmung. Redakteur sein – die Lebensstellung als Geiselhaft, gefangen von der Einschaltquote. Drinnen vergilben die Redakteure, draußen aber macht Mrakitsch Fernsehen.

Oder schreibt immer öfter oben in Witikon monatelang ausgeklügelte Exposes für Dokumentarfilme: die dann niemand produziert, wie ein Projekt über die amerikanische Angst, am Beispiel des (neben Ambrose Bierce und Edgar Allan Poe) »dritten großen Topographen des amerikanischen Grauens«: Lovecraft. »Arkam« sollte ein Film sein, der Xenophobie und Unterwanderungsängste beschreibt, »eine von Atavismen ferngesteuerte Nation«. Aber auch für dieses deutsch-amerikanische Thema ist kein Geld da, weil man es für Talkmaster und den Ankauf von Senderechten für Weltmeisterschaften längst zum Fenster hinausgeworfen hat.

Mrakitsch sagt: »Die Fernsehleute sind im Grunde angewidert, wenn man ihnen einen vernünftigen Vorschlag macht. Du arbeitest absolut partnerlos in diesen Häusern.« Er sagt: »Aber die Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft muß in dem Medium stattfinden, das dominiert.« Auch wenn er sich immer öfter frage, »ob man bei diesem Abbau von Anspruch überhaupt noch mittun darf«. Er sagt: »Es ist sowieso ein Kunstverzicht, wenn man sich für Dokumentationen entscheidet.«

Michael Mrakitsch, Sohn einer Schauspielerin und eines Opernsängers, hat als Schauspieler und Maler begonnen, an der Kunstakademie in Genf studiert und im Berner Ateliertheater den Jimmy in Osbornes »Blick zurück im Zorn« gespielt. Er sagt: »Damals hat im Ateliertheater Peter Roggisch debütiert.« Er selber wollte von Anfang an Regisseur werden und gab auch das Malen bald auf: »Da war mir zuwenig Welt drin. Das hat mich ziemlich aufgerieben.« Er lebte eine Zeitlang in Paris und ließ sich dann in Zürich nieder, für ihn eine Stadt wie andere auch. Er fühle sich zwar nicht unbehaust, aber heimatlos, habe diese seelische Bindung an einen bestimmten Ort nie gekannt und Leute nie verstanden, die alle Stellen wissen, wo bei ihnen zu Hause im Wald die Pilze wachsen.

Er ist kein Romantiker. »Geländebegehung Nürnberg 1992«: »Das eigentliche deutsche Problemwort heißt Romantik; es bezeichnet einen Mangel, wenn nicht einen Defekt – zwischen unerlösten Vergangenheiten und idealistischen Zukunftsprojektionen sich zerissen hin- und hersehnend ... die Deutschen.« Aber einen, einen einzigen Sehnsuchtsort gibt es dann doch: Venedig. Mrakitsch: »Eigentlich bin ich Venezianer.«

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In gläsernen Zellen, von vier Seiten einsehbar, sitzen die Patienten einer psychiatrischen Anstalt und sehen aus wie müde Passagiere in den trostlosen, durch Glaswände getrennten Warteräumen einer Abfertigungshalle: Warten auf das Narrenschiff. Michael Mrakitschs Psychiatrie-Film »Drinnen – das ist wie draußen, nur anders« ist auch ein Bericht zur Seelenlage der Nation: »Sieben Millionen behandlungsbedürftige Neurotiker, 600 000 Schizophrene«. Das war vor der Wiedervereinigung.

Oder sind die Patienten in den gläsernen Zellen Schauspieler? Sitzen in ihren von vier Seiten einsehbaren Garderoben und haben das Theater satt. Die Verträge gebrochen, die Rollen zurückgegeben. »Ich bin in meiner Wirklichkeit tot, so ist mir die Zukunft des Irrenhauses sicher«, schreibt März, ein Gefangener der Psychiatrie, in Kipphardts Roman.

Zwei junge Männer hinter einer Glasscheibe. Der eine: ein Untoter, die Muskeln verkrampft, der Körper erstarrt unter den Hieben der chemischen Keulen. Nicht einmal seine monotone Stimme erinnert noch an die Person, die er einmal war. Er versucht, seinen steifen Arm in Richtung des anderen zu steuern, um ihn zu berühren. Der andere: Er ist neu hinter der Glasscheibe. Traurig und fassungslos starrt er auf den anderen wie auf seine eigene Zukunft. Der Untote, Opfer einer medikamentösen Gehirnwäsche, versucht, dem Neuzugang die Kapitulation vor dem psychiatrischen Vollzug zu erleichtern: »Die meinen, du mußt noch etwas bleiben hier. – Fürs Gesundwerden. – Das mein ich eigentlich auch. – Ein andermal mehr, ja – – – ein andermal.« Er ist erschöpft, spricht die Sätze Wort für Wort und gibt dem jungen Mann noch einen Rat: »Und nimm deine Medizin gut. – Nimm sie. -, Du brauchst sie. – Ich brauch' sie nämlich auch.« Auch wenn er spricht, wirkt dieser Mann wie ferngesteuert. Kieseritzky hat für eine solche Verfassung ein Wort erfunden: »juiced«. Auf deutsch: von Elektroschocks und Tranquilizern zermatscht. Aber irgend etwas spricht noch in dem Mann. Redeweise des Verstummens.

Die ganze Welt steht still in dieser Szene. Die Patienten sind erstarrt. Die Kamera rührt sich nicht vom Fleck. Still steht auch das Herz des Betrachters. Es ist mindestens so, als würden Lenz' und Robert Walsers und Ernst Herbecks Schriften im Fernsehapparat implodieren. Aber an diese endlose Szene reicht kein Gedicht hin (und kein Theaterstück, kein Buch und kein Film). Mrakitsch – das ist der Triumph des Dokumentarischen über die Fiktion.

Mrakitsch muß den Kameramann während der gesamten Dreharbeiten geknebelt haben. Die Kamera ist nichts weiter als ein unendlich geduldiger, stummer und starrer Beobachter. Es gibt keine Finessen, keine Allüren, keine Effekte. In Mrakitschs Filmen erfindet die Kamera keine Bilder, sie findet sie. Mrakitsch sagt, er habe eine Abneigung gegen Filmemacher, die sich Bilder ausmalen. »Ich bin nicht weggegangen von der Malerei, um im Film dasselbe zu tun. Ich glaube, ein Film setzt sich nicht aus Bildern zusammen, sondern aus Augenblicken.« Er sagt: »Ich bin ein Aufklärer, der an die Aufklärung nicht mehr glaubt.«

Den Psychiatrie-Film, sagt er, habe er für die Patienten gemacht. Das unterscheidet Mrakitschs dokumentarische Arbeit vom Dokumentartheater, von Kipphardts »Oppenheimer« und Hochhuths »Stellvertreter«. Das war die alte Protestkultur, Stücke gegen etwas. Mrakitsch sammelt Beweise für seine Klientel, und seine Beweissammlung trifft die Psychiatrie härter, als jeder Anti-Psychiatrie-Protest es könnte. Das Dokumentartheater war immer auch ideologisch. Mrakitschs Filme aber haben die Ruhe von Zeugen. Statt zu verurteilen, urteilen sie.

Der Kommentar spielt in diesen Filmen eine Hauptrolle. Mrakitsch spricht seine Texte meistens selber: In einem schneidenden Tonfall oder mit melancholischem Timbre führen sie die Interviews fort und münden in eine Mischung aus Plädoyer und Urteilsverkündung. Im Fall des Psychiatrie-Films führen sie Foucault (»Wahnsinn und Gesellschaft«) und Ronald D. Laing (»Das geteilte Selbst«) als Nebenzeugen vor.

Den Menschen vor der Kamera zollt er absoluten Respekt. Kein sogenannter Regieeinfall darf sie »versehren«. Mrakitsch sagt: »Manchmal komme ich mir eher wie ein französischer Filmemacher vor. Wenn ich eine Heimat habe, dann bei den französischen Dokumentarfilmern und Fümessayisten der sechziger Jahre: Resnais, Georges Franju, Chris Marker. Leute, die ihren Gegenstand nicht ans Cineastische verraten. Sie haben außerdem literarische Ansprüche an ihre Texte. Chris Marker konnte seine Filmtexte in schönen Buchausgaben als ,Commentaires' bei den Editions du Seuil verlegen. So etwas ist im deutschsprachigen Raum unvorstellbar. Dort heißt es höchstens: ,Ihre Filme sind textlastig.'«

Einer der sogenannten Irren in Mrakitschs Psychiatrie-Film erzählt, Stimmen von Göttern würden zu ihm sprechen. Sie machten ihm nach mehr als einem Jahrzehnt Internierung Hoffnung auf seine baldige Entlassung. Mrakitsch hört geduldig zu. Und das Wunderbare ist: Er widerspricht nicht. Denn die Stimmen der Götter klingen ihm vernünftiger als die Antworten der Psychiater.

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Das ist schon ein Schauspiel für sich: diesen Michael Mrakitsch, der mit der Attitüde des Flaneurs durchs Leben geht, diesen intellektuellen Bonvivant, diesen an der literarischen Boheme geschulten Lebenskünstler in den Hütten von Djibuti wiederzufinden, unter süchtigen Cut-Kauern und Fremdenlegionären; zu sehen, wie wunderbar stutzerhaft er in die Rolle des Vip-Reporters schlüpft, um auf dem kalifornischen Rodeo Drive in das ausgebrannte Gesicht einer Bar-Harfenistin zu schauen und uns sarkastisch den Weg in diese Puppenwelt zu weisen: »Verschaffen Sie sich eine halbwegs brauchbare Kopie von sich selber!«

Mrakitsch deutet in Malibu Beach in einen Sonnenuntergang: »Dort drüben im Westen ist nur noch der Osten – Traumgrenze« und erzählt zwischen »Mister Guy«-Boutiquen und Zsa Zsa Gabors Limousinen von einem Blutbad, einem Massaker, das eine Frau anrichtete, weil sie »diese ereignislosen Montage« nicht mehr ertragen konnte. Schließlich reist er dorthin, wo man von einem ereignislosen Montag nur träumen kann – in die Flüchtlingslager der Palästinenser, auf die Westbank. Neben »Drinnen – das ist wie draußen, nur anders« ist »Shalom oder Wir haben nichts zu verlieren« Mrakitschs wichtigster Film.

Es ist eine mehr als zweistündige Dokumentation, die mit allem aufräumt, was man sonst unter politischer Berichterstattung im Fernsehen versteht. Kein aufgeregter Reporter setzt sich ins Bild. Kein Politiker-Statement vernebelt die Lage. »Shalom...« ist ein ruhiger Film, fast ein Epos. Es erzählt von der Lage der Palästinenser (Flüchtlingsschicksale, Lagerelend), von den Opfern der israelischen Siedlungspolitik. Man sieht, wie sich die oft jungen Siedler hinter Stacheldrahtzäunen verbarrikadieren. Mrakitsch: »Sind sie zu jung, um noch zu wissen?« Der Film entstand 1982, und es gehörte viel Mut dazu, ohne Tabus über Israel zu sprechen, einen Film zu drehen, der dem Deutschen Fernsehen bewiesen hat, daß die offene Rede über die israelische Vertreibungspolitik das Gegenteil von Antisemitismus ist.

Die politische Reportage heute: nicht selten eine Mischung aus Kriegsberichterstattung und Sportstudio. Coole Medien-Offiziere lassen das Blut der oft noch warmen Toten ins deutsche Wohnzimmer tropfen: die tägliche »Ich war dabei«-Mentalität. Mr. und Mrs. Knallhart oder Heute ist es wieder heiß in Somalia. Stakkatohaft hektisch geschnittene Berichte, Reality-TV.

Mrakitsch aber hat bewiesen, wie effektvoll es sein kann, seinen Interviewpartnern wirklich zuzuhören, oft eine Viertelstunde lang. »Sind wir kein Volk?« fragt ihn eine Palästinenserin. »Auch unser Volk hat ein Recht auf Leben. Wir müssen unsere Freiheit und unser Land zurückgewinnen, mit Gewalt. Wie es uns genommen wurde.« Die Geschichten der Menschen sind bei Mrakitsch auch die Geschichten ihrer Landschaft. Er schwenkt über die Täler und Hügel der Westbank und kommentiert: »Bilder von einer fast obszönen Geschichtslosigkeit.«

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Mrakitschs Texte, diese Mischung aus Soziologie und Alexander Kluge, wirken besonders in seinen neuen Filmen pathetisch und manieriert. Es ist, als habe sein mutiger Kampf gegen die Ignoranz der Anstalten zwangsläufig einen Rechthaber aus ihm gemacht.

Jetzt sitzt Mrakitsch oben in Witikon und sagt: »So gehn die Jahre vorbei, ohne daß du ... Es ist unglaublich, in welchem Ton die Fernsehleute mit dir gelegentlich umgehen.« Schon wieder brütet er über einem Exposé. Es handelt von einem Film über das neue Deutschland.

Im Herbst kann man Michael Mrakitsch als Schauspieler im Kino sehen. In einem neuen Film von Richard Blank, »Prinzenbad«, spielt er einen Richter. Vielleicht die Rolle seines Lebens.

 

Erschienen in DIE ZEIT, 20. August 1993, Seite 43